Zersiedelung

Zersiedelung im Visier

Von Nadine Effert · 2015

Platz für weitere 2,85 Mil­lionen Menschen durch Verdichtung möglich.

Es wird enger: Zwischen 1985 und 2015 hat die Bevölkerungszahl in der Schweiz um 1,7 Millionen Menschen zugenommen - heute sind es rund 8,2 Millionen. Was sie alle brauchen: Wohnraum und eine gut funktionierende Infrastruktur. Allein die Wohnfläche hat in den letzten 30 Jahren um 44 Prozent zugenommen. Die Spitze des Eisberges ist aber noch nicht erreicht: Denn angesichts der prognostizierten Bevölkerungszunahme - das Bundesamt für Statistik geht von elf Millionen Einwohnern im Jahr 2060 aus - und des anhaltenden Trends zu grösseren Wohnflächen und Single-Haushalten sind jährlich etwa 60'000 zusätzliche Wohnungen nötig.
Das Problem: Die zunehmenden Siedlungsflächen gehen oftmals auf Kosten der Landschaftsflächen. Jede Sekunde wird in der Schweiz ein Quadratmeter Land zugebaut. Im Jahr macht das über 31 Quadratkilometer - dies entspricht fast der Fläche vom Kanton Basel Stadt. Die Folge: Der Raum wird knapp, es wird enger in der Schweiz, die Zersiedelung schreitet voran.

Mehrere Treiber relevant

Der weiterhin steigende Bedarf an Wohnraum, aber auch an Flächen für Gewerbe, Industrie und Freizeitanlagen, stellt die städtebauliche Entwicklung vielerorts auf eine harte Probe und erfordert neue Strategien in der », brachte es der Lausanner Politiker Daniel Brélaz einst auf den Punkt. Nicht ohne Grund hatte der Bundesrat im Jahr 2002 das Nachhaltigkeitsziel formuliert, die bebaute Fläche auf 400 Quadratmeter pro Einwohner zu begrenzen - diese Grenze wurde in der Vergangenheit allerdings bereits überschritten.
Das steigende Bevölkerungswachstum und der wachsende Flächenverbrauch sind aber nicht die einzigen Treiber. Der Bau von Zweitwohnungen in den Tourismusgebieten sowie die Agglomerationsbildung durch verbesserte Verkehrsinfrastruktur tragen ebenfalls zum rasanten Siedlungswachstum bei - und zur politischen, oft emotional geladenen Debatte, wie sie im Rahmen von Ecopop-Initiative, Zweitwohnungsinitiative und Raumplanungsgesetz zu beobachten war und ist. Die meist diskutierte Gegenmassnahme ist der Siedlungsbau nach innen in den Städten und bereits dicht bebauten Gebieten. Stichwort: Verdichtung - wie sie die Revision des Raumplanungsgesetzes fordert. Dafür braucht es auch freie Flächen.

Vorhandenes Bauland mobilisieren

«Wo sollen die denn herkommen?», mag sich so manch einer fragen, wenn er den Blick durch die Städte schweifen lässt. Bei genauerem Hinsehen gibt es jedoch viele zur Bebauung vorgesehene Flächen, die allerdings brachliegen. Laut aktuellem Immo-Monitoring des Beratungsunternehmens Wüest und Partner könnte durch deren Nutzung in der gesamten Schweiz Platz für weitere 2,85 Millionen Menschen geschaffen werden, wenn zudem sämtliche Flächen auf Basis der bisherigen Ausnützungsziffer in der Nachbarschaft, also dem Verhältnis zwischen Geschoss- und Landfläche, verdichtet würden. Wo Flächen fehlen, müssen vorhandene Reserven ausgeschöpft werden. Diese Strategie ist vielerorts zu beobachten, wo Quartiere umgestaltet werden - oder bereits neu aufgebaut worden sind. Beim Triemli in Zürich etwa wurde vor einigen Jahren eine alte Siedlung der Baugenossenschaft Sonnengarten abgerissen und statt der vorher dreigeschossigen, mit Satteldächern eingedeckten Wohnhäuser sechs- und siebenstöckige, mehrfach geknickte Gebäudezeilen errichtet. Wo zuvor 330 Bewohner Platz hatten, sind es jetzt rund 500.

Lebensqualität darf nicht verloren gehen

Die gesellschaftlichen Veränderungen stellen nicht nur Kantone und Städte bei der Planung und Umsetzung von Bauvorhaben, sondern auch andere involvierte Akteure wie Bauherren und Architekten vor Herausforderungen, denn die Siedlungs- und Wohnqualität darf nicht aus den Augen verloren werden. Quartiere brauchen bei zunehmender Verdichtung mehr integrative Lebensqualität und Identität stiftende Räume. Neue Quartiere sollten sich harmonisch in das bereits vorhandene Umfeld einfügen. Es geht also nicht nur um eine quantitative, sondern auch um eine qualitative Verdichtung - dann ist die Schweiz auf dem richtigen Weg.