Unternehmensnachfolge

Tausend Firmen fehlt es an Nachfolgern

Von Miriam Galler · 2018

In jedem fünften Schweizer Unter­nehmen steht die Nach­folge an. Der Grossteil davon ist in familiären Händen. Die ­Frage ist: Wird es in der nächsten ­Generation dabei bleiben?

Stolze 75 Prozent des Schweizer Mittelstands sind heute immer noch familiengeführt – in Deutschland sind es sogar 95 Prozent. Seit einigen Jahren kündigt sich aber ein Wandel in der Unternehmerdemografie an. Die Babyboomer-Generation geht in Rente. Über die Hälfte der Besitzer von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) in der Schweiz sind zwischen 50 und 65 Jahre alt – für viele stellt sich also die schwierige Frage der Nachfolge. Doch was tun mit dem stolzen Lebenswerk? Ergebnisse der aktuellsten Credit-Suisse-Nach­folge-Umfrage 2016 zeigen: Nur wenige beschäftigen sich rechtzeitig mit der Übergabe.

Nachfolge wird hinausgezögert

Häufig stehen älteren Unternehmern die eigenen Emotionen im Weg. Anstatt die Führung in frische Hände zu geben, kleben sie am Chefsessel. Dass das zu Problemen führen kann, zeigt der Fall des deutschen Drogerie-Unternehmers Anton Schlecker, der seinen Platz nicht räumte und aufgrund mangelnder Innovationsbereitschaft einen Haufen Scherben hinterliess. Auch viele andere pro­minente Unternehmer haben lange eine Nachfolge hinausgezögert- wenngleich mit besserem Ausgang. Ein Beispiel ist der Firmenpatriarch Hans Riegel Junior, der 67 Jahre lang Haribo führte. Swatch-Group Chef Nick Hayek, denkt auch mit 62 Jahren noch nicht die Nachfolge, wie er selbst sagt. «Häufig können die Senioren nicht loslassen. Sie wollen beweisen, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehören», sagt Brun-Hagen Hennerkes, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, gegenüber dem Manager Magazin. Hinzu kommt: Es fehlt vielen an willigen Nachfolgern in der Familie. Denn wie die Umfrage von Credit Suisse belegt, ist der eigene Nachwuchs nach wie vor für die meisten Unternehmer die favorisierte Lösung, da sie ihren Töchtern und Söhnen das meiste Vertrauen entgegenbringen.

Kaum Interesse beim Nachwuchs

Doch was, wenn der Nachwuchs nicht in die familiä­ren Fussstapfen treten möchte? Die Universität St. Gallen und das Beratungsunternehmen EY haben sich 2015 dieser Frage angenommen und 34’000 Unternehmerkinder aus 34 Ländern befragt. Für die Schweiz waren die Ergebnisse am prekärsten: Weniger als ein Prozent der Befragten will nach dem Studium ins Business der Eltern einsteigen. Über einen späteren Einstieg denken auch nur weniger als vier Prozent nach. Dabei sind Söhne nach den Ergebnissen der EY-Studie interessierter als die Töchter. «Es zeigt sich, dass Töchter ei­ne unternehmerische Laufbahn als riskanter erachten», sagt Thomas Zellweger, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität St. Gallen. Selbst wenn das Unternehmen von der Mutter geführt wird, sind Töchter unwilliger als die Söhne. Unternehmern bleibt dann nichts anderes übrig, als familienexterne Lösungen zu suchen. In 25 Prozent der Fälle erweisen sich langjährige Mitarbeitende als eine Lösung für das Unternehmen.

75’000 Firmen sind betroffen

Doch ob intern oder extern, eine Übergabe sollte sorgfältig geplant sein und beansprucht in der Regel drei bis fünf Jahre. Gemäss einer aktuellen Studie von Bisnode D & B haben gut 75’000 aller Schweizer KMU ein Nachfolgeproblem, da sie die Planung zu spät angehen, Potenziale in der Digitalisierung ungenutzt lassen, den Wandel selbst stemmen wollen oder den Bedarf an Beratung und Finanzierung unterschätzen. Wer sich eine Familiennachfolge wünscht, muss früh anfangen, den Kindern vorzuleben, dass Selbstständigkeit spannend ist. Auch wenn die Tochter oder der Sohn sich zunächst einmal anders orientiert, besteht kein Grund zur Resignation. Die Chance auf einen späteren Einstieg in die Firma bleibt bestehen. Grundsätzlich ist der Übergang vom alten auf den neuen Unternehemenschef aber nicht einfach. Für einen reibungslosen Übergabeprozess kann ein spezialisierter Coach herangezogen werden. Dabei stellt eine mehrjährige, gemeinsam gestaltete Periode eine grossen Chance dar – wenn zum Beispiel strategische Ziele wie der Aufbau eines Online-Handels, der Ausbau des Kundenstamms oder des Lieferantennetzwerks oder die Umstrukturierung zu modernen und flachen Hierarchieformen gemeinsam umgesetzt werden. Wichtig: Vertrauen in den Nachfolger auf der einen und Respekt vor der Lebensleistung des Vorgängers auf der anderen Seite sind die Grundlage für eine erfolgreiche Zukunft des Unternehmens.